FAZ: Am Anfang ist der Schutt


„Wir leben in einer Zeit des wilden Kapitalismus", sagte Jancar im Gespräch mit der F.A.Z., „die Jungen wollen Jobs, Wohnungen, Prestige und Erfolg, und die wollen sich dabei nicht stören lassen. Niemand leugnet mehr, was in diesem Land einmal geschehen ist, aber man überlässt das den Historikern. Es ist einfach, zu sagen, dass wir einmal Faschisten und Antifaschisten hatten und dass das jetzt vorbei ist. Aber die Geschichte war leider viel komplizierter, schon vor 1945 und erst recht danach." Richter, die einst politische Urteile fällten, sind immer noch im Amt, und dieselben Journalisten, die ihnen Beifall pflichteten, schreiben heute noch Leitartikel. Dieselben Leute, die früher Marxismus und Jugoslawismus verordneten, geben jetzt Lektionen in Liberalismus und Parlamentarismus, in Aktienrecht, Pressefreiheit und Bürgersinn. Das Establishment ist nicht abgetreten, es hat sich neu eingekleidet. Zwar ist eine konservative Regierung an der Macht, aber die gesellschaftliche Hegemonie behaupten die alten Seilschaften.

Dies wiederum fördert die Verbiesterung ihrer Gegner. Liberale gegen Klerikale, Linke gegen Rechte, Partisanen gegen Domobranzen (Heimwehren): Slowenien ist immer noch das „Zerrissene Volk", wie die slowenische Historikerin Tamara Griesser-Pecar ihr Buch über Okkupation, Kollaboration, Bürgerkrieg und Revolution in den Jahren 1941 bis 1946 nannte. Er habe diese Debatten satt, die immer wieder bei den Partisanen und den Domobranzen endeten, sagt Jancar, ob nun über den Verkehr in Laibach diskutiert werde oder über Windmühlen an der Küste. Slowenien sei zugleich eine sehr offene und eine sehr geschlossene Gesellschaft. „Jeder weiß vom anderen, was dessen Vater und dessen Großvater getan hat, das geht über Generationen und reicht bis in die aktuellen politischen Debatten. Das ist typisch für kleine Länder, in Irland ist das ähnlich. Aber diese Atmosphäre tut dem Land nicht gut."

Am Anfang ist der Schutt, FAZ, 23. December 2007

 

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